Inspiration aus vergangenen Tagen

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Der  »Alte Friedhof« in Flensburg als externer Lernort, der außerhalb von typischen Lernorten wie Schule, Museum und Universität seinen ganz eigenen Charme besitzt, auf alltägliche Dinge aufmerksam zu machen, sie aus ihrer Alltäglichkeit zu holen und zu etwas besonderem zu machen, für das es sich lohnt, auch einmal seinen Blick über die angestammten Vermittlungssituationen hinaus schweifen zu lassen.

von Friederike Wilckens

Friedhöfe sind Orte, an denen eine ganz besondere Atmosphäre herrscht, eine eigenartige und oftmals nicht greifbare Stimmung aus verschieden Gefühlen. Viele Menschen verbinden den Friedhof mit Tod, Trauer und dem Ort, an dem geliebte Menschen ihre letzte Ruhe finden.

Andere wiederum und dazu gehöre auch ich, gehen gern auf den Friedhof, genießen die ruhige Stimmung und lassen sich durch die Reihen der Gräber treiben, fasziniert von den Namen und zum Teil auch Taten der Verstorbenen. Als Geschichtsstudentin sind Friedhöfe für mich Orte, die „Menschengeschichte” erzählen und Vergangenes rekonstruierbar und fassbar machen, was wahrscheinlich einer der Gründe für mein Interesse ist. Der Friedhof stellt für mich persönlich also keinen Angst besetzten Ort dar, sondern im Gegenteil, er inspiriert ich geradezu.

Was macht den Friedhof zu einem Lernort?

Während meiner Überlegungen wozu und warum er mich inspiriert, ist mir bewusst geworden, dass es eine Menge gibt, was an Friedhöfen interessant ist, nicht nur in geschichtlicher Hinsicht, sondern auch in künstlerischer. Warum also nur „typische“ Orte wie Schule, Museum oder auch Universitäten als Lernorte bezeichnen, wenn es auch andere Orte gibt, die, zugegebener Weise, nicht auf den ersten Blick als solche zu erkennen sind. Doch umso intensiver ich mich mit dem Ort Friedhof als Lernort auseinandersetze, umso einleuchtender wird er mir. Es gibt viele Aspekte, die es rechtfertigen, ihn als einen externen Lernort zu bezeichnen, beispielsweise die besondere Atmosphäre und das oftmals bizarre Zusammenspiel von Licht und Schatten, hervorgerufen durch die Bäume, Büsche und Blumen, die um die Gräber angeordnet sind. Sie sind eine Triebfeder gerade in Themenbereichen wie Fotografie oder Malerei, aber auch typographisch gesehen ist der Friedhof eine sprudelnde Quelle an Anregungen. Schlendert man beispielsweise durch die Grabreihen ist jeder Stein anders, jede Inschrift ein anderer Stil, aus einer anderen Zeit. Gerade im Hinblick auf der Bereich der Muster ( für z.B. Stoffe) lohnt es sich, einmal einen Abstecher über den Friedhof zu machen und dabei die Augen offen zu halten.

Mein Projekt

Letztlich habe ich mich jedoch für ein anderes Projekt entschieden, etwas, dass ich schon immer einmal ausprobieren wollte, mir jedoch bisher der Impuls gefehlt hat, mich bewusst mit der Bildhauerei und der Steinmetzkunst auseinanderzusetzen.

Zunächst bin ich ganz offen über den Friedhof gegangen und habe fotografiert, was mir gefallen hat oder mich zu der Frage geführt hat, ob ich es als Laie und ungeübter Anfänger ansatzweise ähnlich hinkriegen würde. Normalerweise würde ich nicht unbedingt Fotos von fremden Gräbern schießen, allerdings ist der „Alte Friedhof“ in Flensburg eher mit einer Parkanlage zu vergleichen, da dort seit über 50 Jahren niemand mehr begraben wurde und ich so auch nicht das Gefühl hatte, etwas pietätloses zu tun. Herausgekommen ist ein erster Eindruck an Formen, Materialien und Spuren, die sich seit Jahren in den Stein gegraben haben.

Aus den Fotografien entstand der Wunsch, etwas aus Stein zu erstellen und ich entschied mich, ganz im Sinne des Romantikers, der den Friedhof auch verklärt als einen Ort der Stille und Ewigkeit ansieht, für ein Rosenmotiv.

Ursprünglich was es angedacht aus Speckstein eine Rosenblühte zu formen, da er poliert optisch sehr viel Ähnlichkeit mit Marmor aufweist, was den Ort als solches gut widergespiegelt hätte.  Aus Mangel an Erfahrung mit diesem Material entschied ich mich jedoch letztlich für ein leichter zu bearbeitendes Material, Sandstein.

Der Friedhof hat sicherlich Qualitäten als Lernort, die man  auf den ersten Blick nicht vermuten mag und ohne Frage strahlt er auch nicht für jeden Besucher das aus, was für mich verkörpert, festzuhalten ist jedoch, dass sich aufgrund dieses Projektes meine eigenen Bedenken zerstreut haben, mein Bewusstsein sich verändert hat und ich nun bei meinem nächsten Besuch mit wieder ganz anderen Augen durch die Anlage spazieren werde und sicherlich neue Inspiration, denn daran scheint es ja an diesem Ort nicht zu mangeln, erhalten werde.

So lange ein Ort Ideen schafft, ist es ein Lernort, vielleicht nicht für jedermann geeignet, aber sicherlich für mich ganz persönlich.