Unentdeckte Alltagswahrnehmung

Was ist Wohlfühlen? …
Wie finden wir Wohlfühlen? …
Wo fühlen wir uns wohl? …

…hoffentlich in unserem alltäglichen Leben.

Der Alltag, was ist das überhaupt?

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Mit dem Wort Alltag verbindet man automatisch die Routine. Es gibt gewisse Schritte, die an jedem Tag, beziehungsweise in jeder Woche, fester Bestandteil im Leben einer Person sind. Diese Zyklen variieren bei verschiedenen Personen und Persönlichkeiten.

Ich, zum Beispiel, brauche jeden Morgen 3x das Ertönen des Weckers, bevor ich aufstehen kann. Dann ziehe ich mich an, frühstücke, bringe die Pferde raus und begebe mich dann auf den Weg zur Arbeit oder in die Uni. Je nachdem, was zuerst anliegt an dem jeweiligen Tag. Um die Mittagszeit brauche ich dann dringend etwas zu essen und am Nachmittag gehe ich in den Stall und reite meine Pferde.

Der Alltag eines jeden Menschen ist durch Körperpflege, Arbeit und den Weg dorthin, Einkaufen, Essen, Freizeitgestaltung, Schlaf und vieles mehr gekennzeichnet. Als Gegensatz zum Alltag werden meist Feiertage aufgezählt oder die Lebensart im Urlaub. Der gewohnte Zyklus wird an diesen besonderen/ nicht normalen Tagen gestört.

Jeder von uns hat seine eigene Struktur im Alltag, welche teilweise auch schon in jungen Jahren durch gesellschaftliche Normen und Regeln bestimmt wird. Zum Beispiel lernen Kinder früh, dass mindestens morgens und abends die Zähne geputzt werden müssen. Und das es eine bestimmte Uhrzeit gibt, zu der sie schlafen gehen sollten, um am nächsten Tag nicht müde zu sein.

Doch was gibt es noch im Alltag, dass einfach übersehen wird, ohne dass von den einzelnen Dingen besonders Kenntnis genommen wird. Was ist normal und unwichtig? Was erscheint anderen Menschen jedoch schön, schrecklich oder einzigartig in der eigenen gewohnten Umgebung. Was nehme ich persönlich gar nicht mehr besonders wahr in meinem Zuhause, in meinem alltäglichen Leben, in dem ich mich wohlfühle?

Um diese Frage zu klären, habe ich ein kleines Experiment gewagt. Ich habe sechs Kinder beziehungsweise Jugendliche zu mir nach Hause eingeladen, sie waren unterschiedlichen Geschlechts, verschiedenen Alters und jeder hat eigene Interessen. Diese Kinder und Jugendlichen habe ich in einem festgelegten Zeitraum von 10 Minuten mit einem kameratauglichen Gerät losgeschickt, um 6 bis 12 Aufnahmen von Dingen zu machen, die ihnen in den Blick kamen. Hierbei war es nebensächlich, ob sie sie schön fanden, hässlich, eklig, niedlich oder es vielleicht eine Geschichte dazu zu erzählen gab. Es sollten Dinge, Gegenstände oder Momente festgehalten werden, die ihnen in diesem Moment gefielen und zwar so, wie sie sie wahrgenommen haben.

Anschließend konnten sie noch einmal selektieren und schauen, welche Bilder ihnen am besten gefielen. Desweiteren ging es nun darum, zu erzählen, WARUM dieses Bild gemacht wurde. Wichtig war dabei eine kurze Beschreibung zu liefern. Ein Wort reichte manchmal schon aus.

Ich wünsche viel Freude und Spaß bei der Betrachtung der Momentaufnahmen von objektiven Personen in meinem eigenen Alltagsumfeld, aufgenommen in einem Zeitfenster von 10 Minuten:

 

  1. Mara – 15 Jahre

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Mara sagte, sie bräuchte nicht jedes ihrer Bilder einzeln beschreiben. Sie findet pinke und rosafarbene Blumen einfach toll. Diese Farben hat sie auch in ihrem Zimmer und sie wirken lebendig und froh, außerdem findet sie Blumen schön. Ihr gefällt, wie unterschiedlich sie alle wachsen, und man kann dies nie detailliert planen. Blumen kann keine Richtung vorgegeben werden in Bezug auf Ihr Wachstum und ihre Entwicklung. Sie entscheiden selbst. Die gelbe hochwachsende Blume findet sie wegen der Wachsrichtung so schön und beeindruckend. Der Stängel wirkt auf sie sehr stabil. Die weiße Blume gilt als Ruhepol zum fröhlichen Pink.

 

 

  1. Henning – 16 Jahre

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„Geiles Auto! In der Werkstatt, in der ich anfange zu lernen arbeiten wir viel mit VW und Audi, aber die vier Ringe finde ich besonders geil. Da steckt dann auch mal ein bisschen ‚Wumps‘ hinter.“

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„Sieht ein bisschen dreckig aus, aber hält wie Sau der Motor. 1,8er Motoren gehen erst Schrott, wenn die auseinander fallen, weil die Karosserie nicht mehr hält.“

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„Übelst alte Möhre, aber wem es langt, warum nicht.“

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„Sollst das loswerden? Opa sucht noch son Ding. Die Axt nehm ich auch gleich mit.“

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„Schön repariert worden, läuft nu wieder wa‘? Wir haben auch noch son Ding stehen, hat dein Vater Bock auf heilmachen von solchen Dingern?“

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„Hunger krieg ich auch langsam! 😀 „

  1. Fine – 17 Jahre

„Ich mag es besonders wenn Dinge einfach nur schön sind, oder einfach nur einladend wirken.“

Der Gesamteindruck ist immer wichtig und sollte einladens sein. Auch bei der Auswahl einiger weniger Fotos, beschrieb Fine das erste Bild, welches hier zu sehen sein soll wie folgt: Wie wirkt der Hof, wenn man ihn im ersten Moment von der Vorderseite betrachtet. Einmal um die Ecke ‚luschern‘:

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„Wo befinden wir uns hier? Aha, Hausnummer 11. Tolle Idee, die Nummer auf einen Stein und nicht an oder bei der Haustür zu befestigen.“

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Die Klingel im alten Stil ist vorhanden. Die Pferde sind fester Bestandteil auf dem Hof, was sich auch in der Klingel und im Windanzeiger auf dem Dach widerspiegelt. Der heruntergelaufene Roststreifen stört das Gesamtbild nicht.

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Vor der Haustür ruhen die Engel, auch hier sind Zeichen der Witterung zu sehen.

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Die runde Terrasse mit Teich ist umwachsen und voll von summendem Leben.

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„Viele unterschiedliche Blumen sind hier zu finden. Es herrscht eine fröhliche, harmonische und verwöhnende Atmosphäre. Die Stille, lediglich durch Vogelgezwitscher unterbrochen, lässt den Garten tiefgründiger wirken. Ich kann mir gut vorstellen mich zur Entspannung in einer der vielen Sitzecken zu setzen, oder mich auf den Rasen zu legen. Und es duftet so angenehm nach Sommer, was auf den Fotos leider nicht darstellbar war.“

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Tolle Elemente pflanzlicher, metallischer oder gläserner Natur. Sie erwecken die Aufmerksamkeit des Zuschauers und lockern das Gesamtbild auf.

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„Es ist nicht zu viel ‚Schnick Schnack‘ und auch nicht zu wenig. Die Natürlichkeit der Pflanzen wird mit Gegenstücken aus Glas und Metall sowie deren Zustände durch Witterung, abgerundet.“

  1. Mathies – 7 Jahre

Mathies erkundet, will alles immer ganz genau wissen und fragt unheimlich viel.

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„Wie weite geht es hier runter? Und kommt das Regenwasser dann ganz normal in die Kanalisation?“

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„Warum ist der Baum noch nicht ganz weggemacht worden?“

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„Hä, hier steht ja eine Heizung, so wärmt die aber nicht mehr.“

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„Was ist das? Ist das zum Kämpfen?“

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„Wie kommt der hier wieder raus?“ (Auf dem Foto nicht gut erkennbar, das Tor der Halle ist deutlich niedriger als der Höhenförderer.)

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„Auf den Apfelbaum kann man bestimmt gut klettern und Äpfel naschen oder als geheimer Treffpunkt.“

 

  1. Nika – 5 Jahre

„Ihhh, die Äpfel schmecken nicht, die sind voll sauer.“

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„Das ist Nemo, der ist der einzige von den Babys, der nicht kratzt.“

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 „Krüüümel und Way!“

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„Das ist meine Cleo. Die ist schon eine uralte Omi, sie ist schon über 30. Aber sie ist topfit, nächste Woche sollen Cleo und ich auch auf ein Turnier!“

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„Hier sollten Störche einziehen und Babys kriegen, aber irgendwie fanden die das Nest nicht so toll.“

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 „Salat und Johannisbeeren finde ich voll eklig. Esse ich nie im Leben, auf gar keinen Fall.“

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  1. Sarah – 17 Jahre

Sarah möchte ihre Bilder nicht beschreiben. Sie sagt lediglich, dass sie fasziniert ist von Bildern, die aus besonders naher Entfernung geschossen wurden. Manchmal lässt sich nicht erahnen, was abgelichtet wurde und teilweise sieht es aus, als würden die fotografierten Gegenstände aus dem Bild herausragen.

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Fazit

Auffallend ist, dass die unterschiedlichen Kinder und Jugendlichen ihre Interessen und ihre persönlichen Empfindungen in die Fotografie einfließen lassen, auch in einer für sie nicht alltäglichen Umgebung. Es sind unheimlich unterschiedliche Bilder entstanden, mit verschiedenen Schwerpunkten.

Mara orientierte sich an ihrer persönlichen Lieblingsfarbe und einem für sie ansprechenden Objekt.

Hennings Interessenfeld zentriert sich auf Motoren und landwirtschaftliche Gerätschaften.

Fine sucht immer das Schöne. Sie fotografiert unheimlich gerne und setzt bspw. auch ihre Freunde e gern in Szene, um diese abzulichten. Für sie geht es bei Kunst um schönes, aber auch Widersprüche die dargestellt werden sollen.

Mathies fotografierte vieles, was für ihn Fragen aufruft.

Nika will die fotografierten Pflanzen und Lebewesen zeigen, ihre Hauptmotivation in ihrem Alter.

Sarah zielt auf Nahaufnahmen. De verschiedenen Materialien werden so detaillierter dargestellt und sind teilweise nicht mehr zu erkennen.

Meine Frage ist nun, was kann ich aus diesen gezielten Fotografien für mich als Lehrkraft herausziehen, um es in den Schulalltag einfließen zu lassen.Durch diese Art der Fotografie, können den Schülerinnen und Schülern ihre Umwelt und ihr Alltag bewusster gemacht werden. Würde man die Aufgabe mit Grundschülern durchführen wäre es interessant, nach einer Zeit von etwa drei Wochen, die Bilder wie eine Diashow in der Schule an die Wand zu projizieren. Die Kinder sollen dann raten/sagen, wer das jeweilige Foto gemacht hat. Im Grundschulalter ist dies oft eine Schwierigkeit. Selbst bei gemalten Bildern wissen die Kinder meist nicht, ob es ihres ist oder nicht. Diese Erfahrung habe ich aus meiner Praktikumszeit mitgenommen. Es ist wichtig Namen auf den Bildern zu haben.

Eine weitere Möglichkeit der Verarbeitung wäre es, dass die Schüler und Schülerinnen zum Beispiel ein Element aus ihrem Foto grafisch oder aber plastisch darstellen. Diese Variante wäre jedoch erst in höheren Jahrgängen gut umsetzbar denke ich, da räumliches Denken bei jungen Schülern noch nicht gut genug ausgeprägt ist.

Fächerübergreifend lassen sich Fotos auch gut verwenden. Zum Beispiel, um eine Geschichte daraus entstehen zu lassen oder etwa im biologischen Bereich. Das Interesse der Schüler könnte beispielsweise durch die Fragen geweckt werden, welche Pflanzen in der persönlichen Umgebung wachsen. Eine anschließende Ausarbeitung zur Pflanze würde die Ausarbeitung abrunden und das Erlernte festigen.

Eine weiterer Anwendungsbereich der Fotografie aus dem Alltag wäre, seine Schüler besser kennenlernen zu können. In etwa um deren Interessenfelder im Unterricht aufgreifen zu können oder um eventuelle Problematiken im Verhalten in der Schule erkennen zu können. Hier könnte die Fragestellung beispielsweise lauten: „Fotografiert den Gegenstand der euch den größten Zeitraum in eurer Freizeit begleitet.“

Fotografien aus dem Alltag lassen sich sehr vielseitig einsetzen, man muss in der jeweiligen Klassenstufe nur die Thematik in die gewünschte Richtung lenken. Ich könnte mir vorstellen, dass man durch Bilder bzw. Fotografien aus dem Alltag nicht nur den Unterricht realitätsnah gestalten kann, sondern eventuell auch einen besseren Draht zu seinen Schülerinnen und Schülern bekommt und lernt sie besser einschätzen zu können.

 

Lisa Marie Erichsen