TotalTanzTheater

Die langen Schatten des Krieges

Im Sommersemester 2014 erhielten wir die Möglichkeit im Rahmen eines Seminarprojekts unter der Leitung von Diplom Choreografin und Regisseurin Stela Korljan und der Betreuung von OStR Werner Fütterer das Projekt „Die langen Schatten des Krieges“ durchzuführen. Hierbei handelte es sich um ein mediales Tanztheater, das von uns Kunststudentinnen in Zusammenarbeit mit Stela Korljan ausgearbeitete wurde.

„Die langen Schatten des Krieges“ berühren uns auch heute noch fast alltäglich. In den Medien und Nachrichten ist der Krieg oft allgegenwärtig. Auch 100 Jahre nach Beginn des 1. Weltkrieges und 150 Jahre nach dem Deutsch-Dänischen Krieg und der Schlacht von Düppel.

Einen Einstieg in das Thema Krieg erhielten wir im Rahmen des Seminars durch einen facettenreichen Vortrag von Stela mit Kriegsfotografien und geschichtlichen Hintergründen, doch auch schon in der ersten Sitzung ging es ans Tanzen. Wir machten erste Übungen und bewegten uns durch den Raum.

In den folgenden Sitzungen sammelten wir verschiedenste Ideen für Szenen unseres Stücks. Hierbei ging es dann vor allem auch um die Rolle der Frauen im Krieg und wie deren Gefühle im dargestellt werden könnten.

Auch die Frage nach passenden Requisiten musste geklärt werden. Eine Studentin machte den Vorschlag unsere Oberkörper in Gips abzuformen und die entstandenen Torsos als Requisite zu nutzen. Die Torsos sollten dann auch eine große Rolle im späteren Stück spielen. Außerdem arbeiteten wir mit Bändern, Stoffen und Laken und nutzten die Gegebenheiten der Räumlichkeiten auch inhaltlich.

Unser Projekt nahm immer mehr Gestalt an und wir nutzten fast zwei ganze Wochenenden für die Proben und die weitere Arbeit an unserem Stück. Auch die technische Umsetzung durfte hier nicht zu kurz kommen, denn es handelte sich ja um ein „mediales“ Tanztheater. Das heißt wir haben verschiedene Musiktitel und Videos in das Stück eingebaut. Hinzu kam auch noch ein Saxophonstück von Herrn Fütterer. Wir haben also sowohl analoge als auch digitale Techniken in unserem Stück kombiniert. Zum Beispiel nutzen wir unsere Körper (mit den weißen Gips-Torsos) und Laken als Leinwände für die Videos, die über einen Beamer abgespielt wurden.

Unsere Proben fanden vor allem in der Campelle statt, da dies auch der Ort der ersten Aufführung sein sollte. Die Räumlichkeiten der Campelle teilen sich in drei Kuben, die wir in unser Stück integrierten. Der erste Kubus befindet sich draußen vor der Campelle. Es handelt sich dabei um einen kleinen Hof der durch eine Art Zaun abgegrenzt ist. Hier planten wir den ersten Teil des Stücks, in dem wir uns wie alltäglich draußen zwischen den Menschen aufhielten und aufgrund eines „Bombenalarms“ nach drinnen in die Campelle flüchteten. Im Innenraum fand dann der Großteil des Stücks statt. Wir kombinierten verschiedenste Kriegssituationen. Die Angst vor dem Aufseher, die Angst vor Vergewaltigung, eine Waschung, das Anziehen von Häftlingskleidung, die Frage nach der eigenen Identität und Gefühle im Krieg (sowohl Negative als auch Positive). Am Ende der Aufführung sollte ein befreiendes Gefühl und Freiheit stehen, da dies auch das Gefühl ist, mit dem man die Zuschauer entlässt. Wir entschieden uns in der Umsetzung für einen Lauf in die Freiheit als Ende unseres Stücks.

Die erste Aufführung fand am 20. Juli in der Campelle auf dem Hochschulcampus statt. Unsere Aufführungen wurden unter anderem in der Tagespresse angekündigt und es wurden Plakate hergestellt. Die Aufführung in der Campelle konnten wir dann als großen Erfolg verbuchen. Es erschienen knapp 30 Zuschauer und die Aufführung verlief reibungslos. Auch unser Konzept die Zuschauer teilweise mitten in der Aufführung stehen und sitzen zu lassen funktionierte so wie wir es uns vorgestellt hatten.

Direkt am nächsten Tag fand dann die Aufführung im Modul 1 in der Roten Straße statt. Wir waren dieses Mal nur ein Teil des Kurses, etwa 10 Personen, aber das stellte kein Problem für uns dar. Wir probten vor der Aufführung noch etwa 3 Stunden und waren dann direkt vor der eigentlichen Aufführung fertig. Etwas weniger als eine Stunde spielten wir unser Stück für die Zuschauer. Auch die Umsetzung von den großen Räumlichkeiten der Campelle in das Modul 1 funktionierte sehr gut. Wir konnten eigentlich alle Elemente aus der Aufführung in der Campelle auch im Modul 1 umsetzen.

Viele von haben während ihres Studiums schon an Performances teilgenommen, aber für einige von uns war dies das erste Mal. Hinzu kam, dass eine Aufführung vor Publikum immer noch einmal eine besondere Steigerung der Situation darstellt. Wir alle haben also in diesem Seminar nicht nur fachliches Wissen erlangt, was Choreographien und die kreative Umsetzung von Inhalten auf der Theaterbühne angeht, sondern sind sicherlich auch mehr oder weniger persönlich an diesem Seminar gewachsen.

Für mich war dies das erste Seminar, in dem es um das Darstellen mit dem eigenen Körper ging. Das „zur Schau stellen“ des eigenen Körpers bedeutete für mich einige Überwindung, doch am Ende war ich stolz auf meine eigene Leistung und dass ich über meinen Schatten gesprungen bin. Auch Stelas ständiges Kredo: „Der Körper lügt nicht“ half mir bei der Umsetzung der Bewegungen. Da das Projekt mit der Zeit immer umfangreicher wurde, und die Teamarbeit alle in ihren Bann zog, wurde es mit der Zeit auch immer leichter, sich selbst auszuprobieren und einen Beitrag zum Gesamtwerk zu leisten. Während der Aufführungen vor „echtem Publikum“ stieg zudem das Selbstwertgefühl, denn man begriff sich selbst als einen essentiellen Teil der Gruppe und des Stücks. Im Gegensatz zu den Proben, in denen auch oft gespaßt wurde, wurde in den Aufführungen sehr konzentriert und mit angemessenem Ernst gespielt, wodurch die Aufführungen sehr erfolgreich verliefen, was einen selbst zufrieden mit dem erarbeiteten Stück und dem eigenen Beitrag machte. Außerdem verlief die Arbeit in der Gruppe meist sehr harmonisch und schon kurz nach dem Start des Seminars hatten alle das gleiche Ziel vor Augen, was eine starke Gruppendynamik zur Folge hatte, die keinen außen vor ließ.

Wie Menschen im Krieg wirklich empfinden konnten wir in diesem Projekt natürlich nicht nachvollziehen. Das kann niemand, der diese Situation nicht selbst schon einmal erlebt hat. Aber wir konnten uns den Gefühlen und Gedanken im Krieg annähern und unsere eigenen Schlussfolgerungen ziehen. Allein die intensive Beschäftigung mit der Thematik lehrt einen, dass es auf dieser Welt Dinge gibt, die einem bis zu einem bestimmten Grad immer unbegreiflich bleiben werden.

 

 

 

 

Advertisements